Ein Interview mit Gabriele Hässig und Thomas Keiser
Frau Hässig, Kriege, Krisen, Konjunkturschwäche: Die deutsche Wirtschaft sieht das vierte Jahr in Folge kein Wachstum. Wie schlägt sich die Schönheitspflege- und Haushaltspflegebranche?
Gabriele Hässig: Wir können uns dem allgemeinen Umfeld nicht völlig entziehen. Wie in anderen Industriesektoren ist auch bei uns eine Kostenwelle durch die Unternehmen gerollt. Ein wesentlicher Kostentreiber waren die Preissprünge bei Energie. Zudem hat der Iran-Krieg zur massivsten Störung der Lieferketten seit der Corona-Pandemie geführt. Die Belastungen für Unternehmen und Zulieferer sind immens, gleichzeitig ist das Konsumklima eingetrübt. An den Produkten unserer Mitgliedsunternehmen wollen die Menschen jedoch nicht sparen. Sie sind für ihr tägliches Leben essenziell. Der Blick auf die Entwicklung der Schönheits- und Haushaltspflegeindustrie in den vergangenen fünf Jahren zeigt: Wir sind ein Stabilitätsanker in Zeiten schwacher Konjunktur.
Herr Keiser, welche Faktoren tragen zur stabilen Entwicklung der Branche bei?
Thomas Keiser: Verbraucherinnen und Verbraucher halten in Krisenzeiten ihr Geld zusammen. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen ist der Wachstumstrend der vergangenen Jahre stabil. Im Jahr 2025 ist unser Umsatz um 2,9 Prozent auf 35,6 Milliarden Euro gestiegen. Seit 2020 wächst die Branche gegen den Trend jährlich im Schnitt um 4,4 Prozent. Gerade in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld spielen wir unsere besondere Stärke aus: Kenntnis der Verbraucherbedürfnisse, Innovationsfreude und die Fähigkeit, Märkte aktiv zu prägen.
Welchen Einfluss hat die Kostenentwicklung auf die Nachhaltigkeitsstrategien der Unternehmen?
Gabriele Hässig: Nachhaltigkeit ist schon lange nicht mehr „Nice-to-have“, sondern aktive Zukunftssicherung. Insofern verfolgen die IKW-Unternehmen ihre langfristigen Nachhaltigkeitsziele konsequent weiter – unabhängig vom Hin und Her der Weltpolitik. Das gilt für ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit gleichermaßen. Unsere Branche treibt nachhaltige Entwicklungen auf vielen Feldern aktiv voran – von energie- und ressourcenschonender Produktion über klimafreundlichere Prozesse bis hin zu Innovationen bei Rezepturen, Verpackungen und Verbraucherinformation.
Gibt es neben der Kostenentwicklung weitere Belastungen für die Unternehmen?
Gabriele Hässig: Der Abbau von überflüssigem bürokratischem Aufwand bleibt ein zentrales Anliegen unserer Mitgliedsunternehmen. Niemand hat etwas gegen klare Regelungen, die Planungssicherheit bieten. Planungssicherheit bedeutet Investitionssicherheit. Aber was in der Praxis keinen Sinn macht, muss weg. Entlastungen müssen dringend erlebbar werden.
Thomas Keiser: Ich sehe das ganz genauso. Noch immer sind viel zu viele Menschen in den Unternehmen damit beschäftigt, Berichtspflichten zu erfüllen, ohne dass damit ein Mehrwert für die Umwelt oder die Gesellschaft nachweisbar wäre. Das sind Ressourcen, die für Kernaufgaben in den Unternehmen fehlen.
Was erwartet der IKW jetzt von der Politik in Deutschland und Europa?
Gabriele Hässig: Mein Eindruck ist, dass unsere Positionen in puncto Bürokratieabbau und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen bei politisch Verantwortlichen Gehör und Verständnis finden. Die bisherigen Entlastungsansätze sind allerdings oft zu kleinteilig und zögerlich. In der betrieblichen Praxis zeigen sie bislang allenfalls geringe Wirkung. Unser Appell deshalb: Mehr Mut und mehr Tempo bei Bürokratieabbau und Vereinfachung. Nochmals: Wir müssen vorankommen, damit die Unternehmen und die Haushalte echte Entlastungen spüren.
Wie wirkt sich EU-Gesetzgebung auf die Industrie aus?
Thomas Keiser: Der IKW hat alle Hände voll zu tun, um die Anliegen der Branche in Berlin und Brüssel wirksam einzubringen. Wir unterstützen das Ziel der EU, die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Im Detail sehen wir allerdings erheblichen Anpassungsbedarf bei verschiedenen Richtlinien. Ein Beispiel ist die EU-Kommunalabwasserrichtlinie, nach der die Kosmetik- und Pharmaindustrie 80 Prozent der Kosten für neue Technik in den Kläranlagen zu tragen hätten. Das ist unfair, weil nicht verursachergerecht.
Ein Stück weitergekommen sind wir auf dem Weg, das drohende Verbot des wichtigen Inhaltsstoffs Ethanol abzuwenden. Die Europäische Chemikalienagentur hat inzwischen empfohlen, Ethanol beispielsweise für Hand- und Flächendesinfektionsmittel zu genehmigen. Nun ist der Ausschuss für Risikobewertung gefragt. Hier gilt es zu vermeiden, dass Daten herangezogen werden, die auf dem freiwilligen Trinken von Alkohol basieren.
Und die in diesem Jahr in Kraft tretende EU-Verpackungsverordnung enthält im Detail Regelungen, die praxisfern sind oder sogar dem eigentlichen Zweck von Verpackungen, nämlich Produktschutz, zuwiderlaufen.
Das alles sind keine abwegigen Spezialthemen. Sie haben gravierende Auswirkungen auf die Unternehmen. Nachhaltigkeitsziele lassen sich nur erreichen, wenn genau diffenziert wird und betriebliche Anforderungen verstanden und berücksichtigt werden.
Was erwarten Sie für 2026?
Gabriele Hässig: Ich bleibe optimistisch. Mit einem generellen Aufschwung oder großen Veränderungen beim Konsumklima ist für das Jahr 2026 wohl nicht zu rechnen. Wichtig ist: Unsere Industrie hat unter Beweis gestellt, dass wir damit umgehen können. Besondere Nähe zu den Menschen und gute Lösungen für den Alltag sind die Basis für Resilienz. Dass wir selbstbewusst und zuversichtlich nach vorne schauen sollten, untermauert auch die aktuelle IKW-Zukunftsstudie. Danach zeigt die Branche, dass sie viel mehr kann, als nur Trends oder Gegentrends zu folgen. Sie gestaltet Zukunft.

