Journalisten-Kosmetik-Training 2018: »Seminar Naturkosmetik«

Von Siegelvielfalt, Produkthygiene und den besten Absatzmärkten...

Naturkosmetik wird immer beliebter, und zwar überall: so stieg der weltweite Umsatz in 2017 auf 50 Mrd. $! Klingt beeindruckend, doch sind hier auch die Verkaufszahlen naturnaher und von Natur inspirierter Kosmetik eingeschlossen. Schon sind wir mittendrin im Thema des diesjährigen Kosmetik-Trainings für Journalisten und Beauty-Blogger: Was macht „echte“ Naturkosmetik aus? Wie lässt sie sich von „grün angehauchter“, konventioneller Pflege abgrenzen? Welche Standards und Siegel sind von Bedeutung? Welche Kriterien muss Bio-Kosmetik erfüllen? Wann kommen die Produktentwickler an ihre Grenzen? Und zu guter Letzt: wohin geht die Reise für Naturkosmetik? Darüber berichteten Experten aus Industrie und Wirtschaft, darunter Vertreter großer Naturkosmetikfirmen wie Weleda und Wala.

NATRUE und Cosmos geben die Richtung vor

Auch wenn es eine EU-weit gültige einheitliche Definition für authentische Naturkosmetik wie die für „kosmetische Mittel“ nicht gibt, so helfen doch zwei anerkannte Siegel die Spreu vom Weizen zu trennen (und es gibt mit über 30 privaten Bio-Siegeln sehr viel »Spreu«): NATRUE und Cosmos. Beide Siegel garantieren, dass die mit ihnen zertifizierten Produkte keine Rohstoffe petrochemischen Ursprungs enthalten (Ausnahme: Konservierungsmittel), dass der Anteil an natürlichen Extrakten und Ölen möglichst hoch ist und die Rohstoffe weitgehend aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA) stammen. Will ein Hersteller eines dieser internationalen Bio-Siegel nutzen, muss er mindestens zwei Drittel (Cosmos) bzw. drei Viertel (NATRUE) seiner Produkte zertifizieren lassen. Wie authentisch die neue Bio-Pflegecreme zukünftig sein soll und in welchen Ländern sie ins Regal kommt, muss schon vor der Produktentwicklung klar sein. Bei Cosmos wird mit Cosmos-organic und Cosmos-natural Bio-Kosmetik mit Rohstoffen aus kbA sowie Naturkosmetik unterschieden, bei der die Rohstoffe nicht aus kbA stammen müssen. Bei NATRUE, dass aktuell in 32 Ländern der Erde etabliert ist, stehen laut Sven Gehrig, zuständig für Zertifizierungen bei der Wala Heilmittel GmbH, drei Kategorien für Bio-Produkte zur Auswahl: Naturkosmetik, Naturkosmetik mit Bio-Anteil sowie reine Bio-Kosmetik. Die Ingredienzen werden nach den NATRUE-Kriterien eingeteilt in physikalisch gewonnene natürliche Rohstoffe; naturnahe, von einem Naturstoff abgeleitete, modifizierte Rohstoffe sowie konventionell hergestellte, naturidentische Rohstoffe. Die Mindestanteile für unbehandelte Rohstoffe (ggf. aus kbA) sowie die Maximalanteile für chemisch modifizierte Naturstoffe sind für die drei Produktklassen jeweils vorgegeben. Ganz so streng sind die Vorschriften für die Verpackung von Bio-Kosmetik nicht. Zwar sind Aerosoldosen tabu, Tuben und Tiegel dürfen jedoch aus Aluminium gefertigt sein. Auch Flaschen aus Polyethylen (PET) sind erlaubt, dennoch steckt die meiste Naturkosmetik in Verbundkunststoffen. Das kommt nicht von ungefähr. Oberstes Gebot ist, die wertvollen Inhalte vor Sauerstoff und damit vor Verderb zu bewahren. Behältnisse aus PET fallen hier oft durchs Raster.

Neuer Standard bringt wenig Orientierung

Mehr Verwirrung als Klarheit in die Naturkosmetik-Branche bringt die neue ISO 16128. Wie Dr. Wilfried Petersen, Rohstoff-Experte der Firma Evonik Dr. Straetmans, erklärt, handelt es sich bei dieser Richtlinie um einen technischen Standard. Darin sind die Kriterien für die Einteilung der Rohstoffe in „natürlich“ und „natürlichen Ursprungs“ festgelegt und es wird vorgegeben, wie man den Bio-Anteil im Produkt berechnet. Eine klare Definition, ab wann ein Produkt als »Bio-Kosmetik« ausgelobt werden darf und in welchem Fall es sich um »Naturkosmetik« oder »naturnahe Kosmetik« handelt, fehlt jedoch. Darüber ärgern sich die großen Siegel-Verbände, die Verwender von authentischer Naturkosmetik haben andere Sorgen. Sie beschäftigt, dass sie bei Bio-Duschgelen und -Shampoos auf eine starke Reinigungswirkung verzichten müssen, und dass oxidierende Haarfarben ohne Chemie gar nicht funktionieren. Auch Haarpflege- und Styling-Produkte aus dem Bio-Regal erreichen nicht immer die gewünschten Effekte. Der Grund: synthetische Öle und quaternäre Stoffe, die die Kämmbarkeit erleichtern sowie Halt gebende Polymere aus petrochemischen Grundstoffen, sind nicht Teil der Rezeptur. Bei Bio-Bodylotions und -Körperölen hingegen, muss niemand mehr Abstriche machen: sie halten mittlerweile in punkto Wirkung und Hautgefühl mit konventioneller Kosmetik sehr gut mit, weiß Dr. Bernhard Irrgang, Forschungschef bei der Weleda AG. Die »Eier legende Wollmilchsau« wird Kosmetik mit maximalem kbA allerdings auch zukünftig nicht sein. Der Verbraucher muss weiterhin Prioritäten setzen und z. B. Umweltschutz-Aspekten wie biologischer Abbaubarkeit sowie fairen und natürlichen Gewinnungsmethoden der Rohstoffe (bei zertifizierter Naturkosmetik) gegenüber High-Tech-Galenik (bei konventioneller Kosmetik) den Vorzug geben.

Naturkosmetik boomt rund um den Globus

Die bewusste Entscheidung für Naturkosmetik treffen immer mehr Menschen rund um den Globus: Mit zwölf Prozent Anteil am Gesamt-Umsatz in Europa in 2017 sind zertifizierte und naturnahe Naturkosmetik-Marken die Wachstumstreiber der Kosmetikindustrie, das verlautete Unternehmensberater Moritz Aebersold, Gründer der Contura Consulting AG und langjähriger Weleda-Lenker. Auch außerhalb Europas wird Naturkosmetik immer mehr zum »Mainstream«: So erzielte Asien mit Japan an der Spitze im letzten Jahr das weltweit stärkste Wachstum. Auch USA und Kanada mit dem weltweit höchsten Absatz von Naturkosmetik, wachsen kontinuierlich. Und Brasilien verfügt mittlerweile über den zweitgrößten Markt der Welt für naturnahe Kosmetik. Bleibt die Frage: wie wird sich Naturkosmetik unter dem weltweiten Einfluss entwickeln?

Schöne neue Naturkosmetik-Welt mit »engineered naturals«

Hoheitsansprüche für authentische Bio-Kosmetik wird es nicht mehr geben. Nach Aussagen von Aebersold setzen agile Nischen-Anbieter und global agierende Großkonzerne den mittelständischen Herstellern zertifizierter Natur- und Bio-Kosmetik deutlich zu. Traditionsfirmen wie Wala und Weleda müssen darauf reagieren, innovativ und kreativ, neue exotische Rohstoffe nutzen und sich den Bedürfnissen jüngerer Zielgruppen nach individualisierten und übers Internet erhältlichen Pflege- und Make-up-Produkten begegnen. Online-Marktplätze wie Amazon und Alibaba generieren bereits jetzt ein Viertel des weltweiten Umsatzes, Tendenz steigend. Für junge VerbraucherInnen zählen weniger die Marke eines Produkts, als vielmehr die Beurteilung durch die oder den »Influencer«. Pluspunkte sind auch faire Bedingungen und Klimaneutralität bei der Fertigung. Wenig verwunderlich, dass die Akzeptanz von naturidentischen Rohstoffen steigt! Immerhin können »engineered naturals« ohne Raubbau an der Natur gewonnen werden - und sie eignen sich bestens für naturnahe Konzepte, wie sie Großkonzerne befördern. Auch die neue ISO-Richtlinie und die aktive weltweite Vermarktung über alle Medienkanäle hinweg, helfen dabei, die Auffassung von »Naturkosmetik« neu zu interpretieren. Ob das dem grünen Image wohl nutzt oder eher schadet? Der IKW bleibt dran!