Das Leben ist schön – Kontrolle ist besser

Die Feier war toll, das Abendessen mit der ganzen Familie super gemütlich und der Geburtstag für die beste Freundin eine gelungene Überraschungsparty. Und dann stellt man plötzlich fest, dass niemand daran gedacht hat, ein Bild zu machen. Was zunächst bedauerlich erscheint, stellt sich im wahren Leben als Glücksfall heraus: Gerade wenn wir nicht damit beschäftigt sind, auf den Auslöser zu drücken und uns für ein Bild zu inszenieren, können wir diese Momente zu 100 Prozent erleben und genießen. Das Geschehen auf einem Bild festzuhalten, bedeutet hingegen einen Rollenwechsel vom Akteur zum Fotograf und schafft eine emotionale Distanz zur Situation – man verlässt den eigentlichen Moment und betrachtet sich gleichzeitig von außen. Paradoxerweise ist gerade das für Jugendliche faszinierend und macht Selfies für sie so attraktiv. Die Jungen und Mädchen prüfen mit Hilfe der Selfies erst einmal, ob sie sich trauen können, sich auf einen bestimmen Moment einzulassen.

Außen-Perspektive einnehmen

Ein wesentliches Ergebnis der vom Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW) beauftragten tiefenpsychologisch-repräsentativen Studie „Selfies ungeschminkt“ ist, dass Selfies für die Jugendlichen eine Möglichkeit sind, einen Blick auf sich selbst zu werfen. Das Selfie funktioniert wie der Blick in den Spiegel. Und so wie man einen Spiegel zur Kontrolle des Äußeren benutzt, kontrollieren Jugendliche mit Hilfe der Selfies, wie ein Betrachter sie sehen soll. Eine Studienteilnehmerin sagt zum Beispiel: „Zweck des Selfies ist es, sich so darzustellen, wie man bei anderen Leuten wirken will. Ich möchte positiv, natürlich, trotzdem hübsch und interessant wirken.“ Und ein anderer Studienteilnehmer gibt zu: „Ich poste nicht jedes Selfie. Nur wenn es gut aussieht.“

Das Leben in der Rückblende

Darüber hinaus schätzen die Jugendlichen, dass sie in Selfies das Erlebte festhalten und so im Nachhinein erspüren können, was passiert ist. Leben und Erleben finden für sie somit in der Rückblende statt. Das Selfie kann den Augenblick festhalten. „Ich nutze es wie ein Bilderbuch, damit ich später weiß, was ich erlebt habe – mal gucken kann, wie es eigentlich war“, erzählt ein Studienteilnehmer. 66 Prozent der Studienteilnehmer schätzen besonders, dass sie durch das nachträgliche Betrachten ihrer Selfies erst sehen können, was sie erlebt haben oder erleben wollten.

Das Feedback der anderen ist hierbei sehr wichtig. 44 Prozent der Jugendlichen finden, dass das, was gerade passiert, erst dann toll war, wenn die Kommentare positiv ausfallen und Herzchen oder Likes in Massen vergeben werden. Erst diese Bestätigung verleiht den persönlichen Erfahrungen einen besonderen Wert. „Also ich mache auf Reisen Selfies, weil es dann echter ist, wenn ich von anderen Leuten Feedback bekomme. Ich merke eigentlich an den anderen, die auch gerne da wären, dass es gut ist, wo ich bin“, ist ein Kommentar, der die Wahrnehmung der Jugendlichen beschreibt.

Selfie-Control

Wie bereits in der IKW Jugendstudie „Jugend ungeschminkt“ von 2016 festgestellt, fühlen sich viele junge Menschen in ihrem Alltag häufig unsicher. Sie suchen nach Halt und möchten ihr eigenes Leben im Griff haben. Selfies helfen ihnen dabei. 58 Prozent der Jungen und Mädchen sagen, dass sie sich auf Selfies so darstellen können, wie sie idealerweise sein möchten. 83 Prozent der Studienteilnehmer schätzen an den Selbstporträts, dass sie alleine die Kontrolle darüber haben, was sie posten.

Die Kontrolle geht häufig aber noch viel weiter. Nicht nur die eigene Gestik und Mimik wird kontrolliert. Sind auch Freunde oder Partner auf den Fotos zu sehen, werden auch diese so inszeniert, dass sie den eigenen Vorstellungen entsprechen. Denn die größte Sorge der Jugendlichen ist, dass sie anders gesehen werden, als sie es wollen. Kontrolle und ideale Selbstdarstellung werden so zu den Hauptmotiven der jugendlichen Selfie-Produktion. Selfies ermöglichen es den jungen Leuten, zu den alleinigen Autoren ihres Lebens zu werden.