Auf der Jagd nach Likes

Likes sind die Währung, in der die Jugendlichen den Wert eines Selfies bemessen. Das Motto: je mehr umso besser. Geht es hier um Anerkennung oder ist das schon Selbstverliebtheit?

85 Prozent der Jugendlichen machen Selfies. Insbesondere die Mädchen produzieren sie in Massen. In der vom Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW) beauftragten tiefenpsychologisch-repräsentativen Studie „Selfies ungeschminkt“ zeigt sich, dass einer der Gründe für diese regelrechte Selfie-Manie eine tiefe Sehnsucht nach Anerkennung ist. Um diese Anerkennung zu erhalten, inszenieren sich die Jugendlichen in einem aufwendigen Prozess so lange, bis das Selfie ihren Idealvorstellungen entspricht und anderen gefällt. Was früher ein persönliches und direktes Kompliment war, ist heute ein Like.

Den Unterschied zwischen realer und digitaler Welt beschreibt ein Studienteilnehmer so: „Ich sag mal so – wenn du auf der Straße unterwegs bist, sagen dir in so kurzer Zeit nicht 100 Leute, dass sie dich gut finden.“ Likes und positive Kommentare zu den eigenen Bildern sind so zu zentralen Liebesbeweisen geworden. 34 Prozent der Mädchen und Jungen sagen, dass ihnen viele Likes sehr viel bedeuten. Und 47 Prozent geben zu, dass sie sich besser fühlen, wenn sie viele Likes bekommen.

Peinlich sind nur die Anderen

Auch wenn die Jugendlichen sehr viel Wert auf die Bestätigung der eigenen Bilder durch Dritte legen – bei der Bewertung von anderen Selfies sind sie überaus kritisch. Nach ihrer Meinung kann man an Art und Anzahl der Selfies erkennen, wie „peinlich“ selbstverliebt jemand ist und wie sehr er oder sie nur auf Likes und Anerkennung aus ist. 65 Prozent sehen die Anzahl der Selfies daher als ein Indikator für eine übersteigerte Selbstliebe. 75 Prozent kritisieren den starken Wunsch nach Anerkennung durch andere. Ein Studienteilnehmer sagt: „Jeden Tag ein Foto. Das ist eine extreme Selbstverliebtheit – auch wenn man sich selbst so gerne anguckt. Peinlich ist das.“

Nach außen wehren die Jugendlichen also genau das ab, was sie selbst antreibt. Denn der eigene Umgang mit den Selfies – und der Aufwand, den sie betreiben, bis ein Bild gelungen ist – hat sehr selbstverliebte Züge. Da die Anzahl der Likes den Jugendlichen so viel bedeutet, werden diese zum Antrieb für noch mehr Selfies. Um den gewünschten Effekt zu erzielen, muss die Zahl der Likes ständig gesteigert werden.

Berühmt werden als Lebensziel

Für einige Jugendliche stecken aber noch ganz andere Ambitionen hinter den unzähligen Selfies. Sie haben den Wunsch, durch ihre Postings als Influencer berühmt zu werden. Einige kokettieren ganz offen mit ihren vielen Followern und Likes: „Ach, ich hatte ja mal mehr als 2.000 Follower auf Insta. Da war ich 12. Aber na ja, jetzt habe ich halt nichts mehr gepostet.“ 30 Prozent der jungen Menschen sehen das Berühmtwerden als Lebensziel. Im Vergleich: Vor zehn Jahren gaben nur 14 Prozent an, berühmt werden zu wollen.

Selfies geben Sicherheit

Warum ist die Anerkennung in Form von Likes den Jugendlichen heute so wichtig? Bereits in der vorangegangenen IKW-Jugendstudie „Jugend ungeschminkt“ von 2016 zeigte sich, dass Jugendliche in vielen Bereichen tief verunsichert sind und versuchen, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. Pflege und Kosmetik helfen ihnen dabei, indem sie ihr Selbstbewusstsein stärken. Und auch Selfies werden von Jugendlichen genutzt, um Kontrolle zu erhalten: über das eigene Aussehen, das Erlebte und die Art und Weise, wie andere sie wahrnehmen. Die damit verbundenen Likes geben den Mädchen und Jungen die Bestätigung, die sie brauchen, um das eigene Selbstwertgefühl zu steigern und sich sicher zu fühlen.

Mehr zum Thema „Selfie-Control“ demnächst in einer weiteren Veröffentlichung.