v. l.: Joachim Mensing, Birgit Huber, Ricarda Zill, Uwe Broch, Ralf Bartsch, Foto: KeySale

Journalisten-Kosmetiktraining: Seminar Dekorative Kosmetik

Anlässlich des im Oktober 2014 stattgefundenen Journalisten-Kosmetiktrainings präsentierten in Hamburg und München vier ReferentInnen ihren Wissensschatz zum Thema Dekorative Kosmetik. Sie gaben Antwort auf viele spannende Fragen wie z. B.:

- Was steckt in Lippenstift &Co?
- Was unterscheidet Old-School- von New-Style-Nägeln?
- Warum darf ich Nägel schneiden?
- Welche Bedeutung hat Make-up aus psychologischer Sicht?

Von Lippenrot und Wimpernschwarz

Von der Make-up-Artistin und Haarstylistin Ricarda Zill wollten die Anwesenden wissen: Sind Lippenstifte essbar? Um es vorweg zu nehmen: gesundheitliche Einschränkungen sind beim (gelegentlichen) Genuss von Rizinusöl, gemischt mit Silikonöl, Carnauba- und Bienenwachs nicht zu befürchten. Daraus nämlich bestehen Lippenstifte in der Hauptsache, genauso wie Mascaras! Je mehr Pflanzenöl in der Formulierung durch flüchtige synthetische Öle ersetzt wird, desto beständiger haften Lippenrot und Wimpernschwarz. Damit die Wimpern schön trendig klimpern, verfügen Mascaras über das passende Bürstchen. Die Palette reicht von spiraligen, buschigen über löffelförmige, gebogene bis hin zu kammartigen Formen für den jeweils angesagten Wimpern-Look. Aber egal wie sie aussehen, die Bürstchen müssen halten. Die deutsche Verwenderin streicht damit laut Zill bis zu 54 Male pro Schminkeinsatz über die Härchen.

Neben der beeindruckenden Auswahl an Mascaras fördert die Expertin leuchtend blauen Lidschatten aus ihrem prall gefüllten Beauty-Case. Darin steckt nicht nur fein vermahlener Speckstein (Talkum), sondern auch puderfeiner Lapislazuli, erklärt Zill. In modernen Foundations ist noch mehr Spannendes zu finden, zum Beispiel Anti-Aging-Seren, Pickelbekämpfer wie Salicylsäure, Grünpigmente gegen Rötungen und Concealer gegen dunkle Ringe und braune Flecke. Auch UV-Filter sind schon integriert. Sie schützen davor, dass die Schönheitsmakel allzu schnell zunehmen. Beim Thema „Eyeliner“ geht Zill auf Applikatoren und Stifte ein, erwähnt Gel- und Flüssigliner und malt den Amy-Winehouse-Gedächtnisbogen in die Luft – ein dramatischer Lidstrich mit ausdrucksstarkem „Schwänzchen“. Mit vielen bunten Schminkstiften unterstreicht die Visagistin zum Schluss noch einmal ihre Aussage, dass Make-up aller Art komplett unbedenklich sind.

Vom Kaffeebecher zum New-Style-Nagel

Ralf Bartsch modellierte 1988 seinen ersten Kunstnagel. Seit drei Jahren gibt der top ausgebildete Nageldesigner Fortbildungen an der von ihm gegründeten Fachschule für Naildesign. Schon mit der Eingangsfrage springt der Nagel-Experte mitten hinein ins Thema: Warum sind die Nägel an Ringfinger und kleinem Finger schöner als jene an Mittel- und Zeigefinger? Bitte genau hinsehen und erkennen: Erstens sehen parallel laufende Seitenlinien hübscher aus, als auseinander strebende. Zweitens kann nur ein gleichmäßig konvex gewölbter Nagel in jeder Perspektive überzeugen. Wer sich im Nagelstudio an beides erinnert, wird sich keine „Krallennägel“ modellieren lassen. So die Theorie. In der Praxis wird es weiterhin passieren, dass Nagelstylisten mandelförmige „Old-School-Nägel“ modellieren und diese auch verlängern. Dabei muss der Kunstnagel durch den schon vorhandenen hohen Nagelaufbau im vorderen Bereich herunter gefeilt werden. Die Folge: der Nagel verliert seine konvexe Form, wird zum „Entenschnabel“. Damit das alle verstehen, klappt Bartsch einfach seinen Kaffeebecher vorn zusammen. Der Nagel-Profi wirbt dafür, Tipps und Schablonennägel mit speziellen Pinch-Klemmen entsprechend dem natürlichen „Tunnel“ des Naturnagels zu biegen. Von der Seite betrachtet fallen diese „New-Style-Nägel“ nicht mehr ab, sondern bleiben „auf der Höhe“ - und im Trend der Zeit.

Von scharfen Scheren und gläsernen Feilen

Besonderer Dank der TeinehmerInnen gingen an Torsten Korb und Uwe Broch (Pfeilringwerk Solingen), die mit weit verbreiteten Vorurteilen aufräumen. Eines davon lautet: Nägel sollten nur mit der Feile gekürzt und keinesfalls geschnitten oder geknipst werden. Mit einer hochwertigen Nagelschere jedoch, deren Scherenblätter sich während des Schneidevorgangs immer nur an einem Punkt berühren und die so scharf sind, dass sie die Nägel nicht quetschen, sondern glatt abschneiden, trifft man die richtige Wahl. Auch wer hinterher zur Saphir- statt zur Glas-, Keramik- oder Sandblattfeile greift, macht nichts falsch, vorausgesetzt, der Anwender setzt auch hier auf beste Qualität. Gute Metallfeilen erkennt man an den polierten, von Saphirstaub befreiten Kanten. Solche Schleifwerkzeuge schonen das Nagelbett und versiegeln die Nagelfasern. Und gerade weil sich die Metallfeilen, wie übringens auch die Glasfeilen dabei erwärmen, „verschmilzt“ der anfallende Feilstaub mit der offenen Nagelkante besonders gut. Neben bekannten Schneideutensilien und Pinzetten lässt Korb Exoten wie das Galalithstäbchen durch die Reihen wandern. Letzteres wollen viele gar nicht mehr aus der Hand legen. Kein Wunder, mit dem kleinen Gummihuf wird die Nagelhautkorrektur zum Wellness-Erlebnis.

Von schneller Freude und Blue Mondays

Der Psychologe Dr. Joachim Mensing entwickelt Farb-Typologien und -Tests, mit denen sich Stimmung und Persönlichkeit eines Menschen mit dessen ästhetischen Vorlieben verknüpfen lassen. Auch den „Big Five“ der Charaktereigenschaften, darunter Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Impulsivität, ordnet Mensing ganz bestimmte Farben zu. Weil Farben jeden magisch anziehen und solche zum Schminken auch noch sofortige Erfüllung und Belohnung bescheren (er nennt es „Instant Gratifications“), verzeichnet die dekorative Kosmetik große Zuwachsraten. Auch in punkto Verkaufsort (POS) tut sich was: Drogeriemärkte und Lebensmittelhandel jagen den Parfümerien immer mehr jüngere Kundinnen (bis 34 Jahre) ab. Die 15- bis 17-jährigen jedoch holen sich die Make-up-Beratung heute übers Internet. Extrem erfolgreiche Bloggerinnen wie Michelle Phan und Zoe Sugg alias Zoella zeugen davon.

Woher rührt der schier endlose Bedarf an Schmink-Tipps? Motor ist der Wunsch, mit wenigen Strichen das aktuelle Selbst mit dem Idealselbst in Deckung zu bringen, weiß der Psychologe. Das funktioniert erwiesenermaßen an unterschiedlichen Tagen unterschiedlich gut. So ist die gefühlte Diskrepanz Montagmorgen am größten, Donnerstagmittag am geringsten. Je nach Wochentag schminken wir uns also mit mehr oder weniger Mut und Selbstvertrauen. Dementsprechend variiert der Look hinsichtlich seines „Leuchtdichtekontrasts“. Jener ist umso stärker, je mehr sich Augen- und Lippenpartie vom Rest des Gesichts abheben. Wie eine Harvard-Studie ergab, steigt mit dem Leuchtdichtekontrast auch die Attraktivität der Trägerin. Doch Achtung: wer sich besonders stark schminkt, gilt als wenig vertrauenswürdig. Auch das ergab die Studie. Dann doch lieber auf den amerikanischen Gegentrend aufspringen und sich mit seinem aktuellen Selbst versöhnen - notfalls auch ganz ohne Make-up!

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