Die Beautywelt der Jugendlichen – ein Interview mit Ines Imdahl

Sicherheit und Stabilität – Konstanten im Leben, nach denen sich viele Jugendliche laut einer Studie im Auftrag des IKW sehnen. Was diese Bedürfnisse mit Kosmetik zu tun haben, verrät Ines Imdahl im Interview.

Ines Imdahl, Inhaberin und Geschäftsführerin von rheingold salon, hat zusammen mit ihrem Team eine tiefenpsychologisch-repräsentative Studie mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 14 bis 21 Jahren im Auftrag des IKW (Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel) durchgeführt. Das Hauptaugenmerk wurde dabei auf die Entwicklung des Selbstwertgefühls während der Pubertät gelegt – eine äußerst turbulente Lebensphase mit vielen „ups“ und „downs“.

Im Rahmen der Untersuchung „Jugend – ungeschminkt“ hat Ines Imdahl einen Einblick in die Welt der Jugendlichen erhalten und herausgefunden, was sie besonders beschäftigt.

 

Frau Imdahl, Jugendliche wachsen heute in sehr unterschiedlichen Lebenswelten auf. Welche Bedeutung hat dies für ihr Selbstwertgefühl?

Die Phase der Pubertät ist für die Jugendlichen schon an sich schwierig genug. Aber zusätzlich ist das Leben vieler junger Erwachsener heute von äußeren Unsicherheiten gekennzeichnet: die Wirtschaftskrise, Sicherheitskrise, Jobkrise (Praktikum) etc. Neben diesen unsicheren Rahmenbedingungen erleben die Jugendlichen auch viele private Krisen. Sie kennen Trennungen, neue Partner der Eltern, Schulwechsel sowie Umzüge aber zum Teil auch Vernachlässigung oder häusliche Gewalt. 28 Prozent der Jugendlichen kommen aus brüchigen Familienverhältnissen. Sie fühlen sich von ihren Eltern weniger geliebt (23 Prozent) und hoffen auf ein stabileres Leben. Um den Schein nach außen zu wahren und sich selbst ein sicheres und gutes Gefühl zu geben, ist ein makelloses Aussehen für ihr Selbstwertgefühl extrem wichtig. Kosmetika helfen dabei.

Auf der anderen Seite haben wir es mit jungen Menschen zu tun, die aus beinahe überbehüteten Verhältnissen stammen und sich besonders geliebt und sehr selbstsicher fühlen (58 Prozent). Die Eltern bestärken sie in der Erwartung, dass sie all ihre Träume erreichen können. Der starke familiäre Rückhalt führt zu hohen Ansprüchen und Erwartungen an das eigene Leben.

Ob instabile oder überhütete Lebenswelt – allen gemeinsam ist, dass sie ihre äußere Erscheinung im engen Zusammenhang mit dem Wunsch nach Sicherheit sehen: Je gepflegter sie aussehen, umso wohler und sicherer fühlen sie sich – eine zentrale und wichtige Erkenntnis der Studie, die uns zunächst sehr überrascht hat.

 

Frau Imdahl, die jungen Menschen scheinen sich heute sehr intensiv mit ihrem Äußeren zu beschäftigen. Sind sie einfach nur oberflächlich?

Ich möchte das gar nicht werten. Provokant gesagt, ist es doch besser, Jugendliche finden im Äußeren inneren Halt als in Drogen. Es stimmt, dass die Jugendlichen viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legen. Besonders deutlich wird das auch an einer überraschenden Erkenntnis unserer Studie: 60 Prozent der Jugendlichen haben angegeben, dass sie generell glauben, dass man am Äußeren eines Menschen ablesen kann, um was für einen Menschen es sich handelt. Diese Denkweise der jungen Leute weist allerdings nicht gleich auf Oberflächlichkeit hin. Man muss die psychologischen Motive der Jugendlichen hinter dieser Aussage betrachten. Die Pubertät ist eine stark verunsichernde Lebensphase, die ein Gefühl des Kontrollverlusts mit sich zieht – gegen diesen kämpfen die jungen Erwachsenen an. Mit der Nutzung von Kosmetikprodukten fühlen sie sich sicherer. Das sagen 85 Prozent der Studienteilnehmer. Jugendliche wollen einfach dazu gehören – über ein gepflegtes Äußeres zu verfügen, hilft ihnen dabei.

Aber auch wenn das Aussehen eine zentrale Rolle im Leben der Pubertierenden spielt, traditionelle Werte wie Familie, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit gewinnen in dieser Zeit bei den Jugendlichen ebenfalls an Bedeutung.

 

Frau Imdahl, verändern sich die Beauty-Routinen und Produktverwendungen der Jugendlichen, wenn sie älter werden?

Auf jeden Fall. Wenn die Pubertät eintritt, sind insbesondere solche Produkte bei den Jugendlichen gefragt, die helfen, die mit der Pubertät verbundenen körperlichen Unsicherheiten in den Griff zu bekommen. Deo und Pickelcremes werden auf Vorrat gekauft und gelten als unverzichtbare Alltagsbegleiter. Während den Jugendlichen Kosmetikprodukte peinlich sind, die etwas Unangenehmes überdecken – oft nutzen sie diese nur heimlich – tragen sie dekorative Produkte wie Mascara und Nagellack auch schon in jungen Jahren sehr offen. Hier geht es auch darum, eine Körperpartie hervorzuheben und somit gleichzeitig von anderen abzulenken.

Andere Kosmetika wie der Lippenstift oder Bartpflege-Produkte gewinnen erst ein paar Jahre später an Bedeutung. Hier spielt die Betonung der Männlichkeit bzw. Weiblichkeit eine wichtige Rolle. Viele Mädchen fühlen sich zwar bereits in jungen Jahren reif genug, ihre Augen mit entsprechenden Produkten hervorzuheben, die Lippenbetonung empfinden die meisten jedoch noch als unangebracht. Junge Männer beschäftigen sich meistens erst mit ihrem Bart, wenn aus dem zarten Flaum eine gut gedeihende Haarpracht entsteht.

Während der Pubertät experimentieren sowohl Mädchen als auch Jungen mit vielen verschiedenen Pflege- und Schönheitsprodukten. Dabei durchlaufen sie mehrere Phasen, in denen unterschiedliche Produkte als wichtig erachtet werden. Nach einigen Jahren Experimentierzeit haben die meisten schließlich ihren „Beautylook“ gefunden, mit dem sie sich wohl und sicher fühlen.

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