Alternativmethoden zu Tierversuchen – Hintergrundinformationen

Die deutsche Kosmetikindustrie verzichtet bereits seit 1989 freiwillig auf Tierversuche für kosmetische Fertigprodukte. Zwischenzeitlich – seit dem 11. September 2004 – sind diese EU-weit verboten. Darüber hinaus ist es verboten, kosmetische Mittel zu vermarkten, wenn das Produkt am Tier getestet wurde.

Unter dem Begriff Kosmetik versteht man so vielfältige Produkte wie Seifen, Duschbäder und Cremes, aber auch Zahnpflege- und Sonnenschutzmittel – also nicht etwa nur dekorative Kosmetik. Bei der Erforschung von Haut, Haaren und Zähnen gibt es ständig neue wissenschaftliche Erkenntnisse wie zum Beispiel zur Verbesserung des Schutzes vor UV-Strahlen, zur Verminderung der sichtbaren Effekte der Hautalterung oder zum Schutz vor Karies. Dazu werden entweder neue Wirkstoffe entwickelt oder Stoffe aus anderen Bereichen erweisen sich als geeignet, um in kosmetischen Mitteln eingesetzt zu werden. Damit liefert die Kosmetik einen wesentlichen Beitrag zur Hygiene sowie zur Gesunderhaltung von Haut, Haaren und Zähnen – und damit auch zum Wohlbefinden.

Kosmetische Produkte werden jeden Tag millionenfach verwendet. Die Verbraucher haben ein Recht darauf, dass diese Produkte sicher sind. Die gesundheitliche Unbedenklichkeit der in kosmetischen Mitteln eingesetzten Rohstoffe muss – der einschlägigen Gesetzgebung (z. B. REACH) folgend – belegt werden. Die hierzu notwendigen Tests werden in der Regel vom Hersteller der Stoffe durchgeführt oder in Auftrag gegeben. Einige dieser Sicherheitsprüfungen können bis heute nur im Tierversuch durchgeführt werden. Insofern gibt es keine vollständig „tierversuchsfreie“ Kosmetik, da bestimmte Daten noch nicht mit tierversuchsfreien Methoden gewonnen werden können.

An dieser Stelle ist es wichtig zu wissen, dass nur wenige Stoffe ausschließlich in Kosmetikprodukten eingesetzt werden. Die verwendeten Rohstoffe kommen vielmehr auch bzw. überwiegend in anderen Bereichen wie Arzneimitteln, Lebensmitteln oder Wasch- und Reinigungsmitteln zum Einsatz.

Während im Bereich der Chemikaliengesetzgebung Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben sind, gibt es im Kosmetikrecht mit Veröffentlichung der 7. Änderung zur EG-Kosmetik-Richtlinie die konkrete Zielsetzung, Tierversuche für Inhaltsstoffe zum Zweck der Erfüllung der Anforderungen dieser Richtlinie zu verbieten. Das Verbot soll in zwei Phasen in Kraft treten: Für die toxikologischen Endpunkte Sensibilisierung (Allergisierung)‚ 'Toxizität bei wiederholter Verabreichung', Reproduktionstoxizität und Toxikokinetik soll das Datum 11.03.2013 gelten. Alle anderen Tierversuche sind bereits seit dem 11.03.2009 verboten.

Verschiedene Tierschutzorganisationen gehen davon aus, dass ein Vermarktungsverbot für Kosmetikprodukte automatisch auch den Import von am Tier geprüften Rohstoffen verbietet. Dies ist nicht der Fall. Es gibt weltweit Gesetze zur Sicherheit von Rohstoffen, die Tierversuchsdaten zwingend einfordern. Das für 2013 vorgesehene Verkaufsverbot für Kosmetikprodukte, die am Tier getestete Rohstoffe enthalten, wird daher Tierversuche an Rohstoffen in Drittländern nicht verhindern. Dies wäre nur möglich, wenn valide, aussagefähige Alternativmethoden zu Tierversuchen für alle Endpunkte (Prüfungen) zur Verfügung stünden und von den Behörden weltweit zur Sicherheitsbewertung von chemischen Stoffen anerkannt wären.

Die Kosmetikbranche zählt zu den ersten Industriezweigen, die sich schon seit den 1980er Jahren intensiv mit der Entwicklung von Alternativmethoden zum Tierversuch befassen. So basieren zwei der durch die EU bereits in den Jahren 2004 bis 2006 anerkannten Alternativmethoden auf Entwicklungen der Kosmetikindustrie, nämlich die Methoden zur Bestimmung der Hautpenetration und der Phototoxizität.

Unter Alternativmethoden zum Tierversuch versteht man so genannte In-vitro-Methoden (in vitro = [lat.] im Glas), also Methoden, die außerhalb lebender Organismen im Reagenzglas durchgeführt werden, beispielsweise anhand von Zellkulturen.

Der Forschungsschwerpunkt der Kosmetikindustrie liegt auf denjenigen Endpunkten, die für die Absicherung kosmetischer Mittel besonders wichtig sind, und für die die Kosmetikhersteller auf eine entsprechend große Expertise zurückgreifen können. Hierzu gehören die Prüfungen auf Haut- und Augenreizung, Hautsensibilisierung und Genotoxizität (Erbgutschädigung).* Darüber hinaus wird schwerpunktmäßig an neuartigen Methoden zur Risikobewertung gearbeitet, welche ebenfalls zur Reduzierung von Tierversuchen beitragen.

Die Entwicklung zuverlässiger Ersatzmethoden für Tierversuche ist dabei eine ernorme wissenschaftliche Herausforderung. Es muss sichergestellt werden, dass die alternativen Testsysteme die komplexe Reaktionsweise eines gesamten Organismus auf eine mögliche Schadwirkung durch Fremdstoffe zuverlässig vorhersagen. Der Ersatz einer einzigen tierexperimentellen Methode erfordert in der Regel eine Kombination von mehreren alternativen In-vitro-Methoden.

Dank der enormen Anstrengungen zahlreicher Forschergruppen mit maßgeblicher Beteiligung der Kosmetikindustrie gibt es heute bereits eine erhebliche Anzahl validierter Testmethoden zur Haut- und Augenreizung.* Darüber hinaus gibt es eine Reihe erfolgversprechender alternativer Methoden zur Prüfung auf allergisierende Wirkung. Gleichzeitig gibt es andere Endpunkte, für welche bis zum Stichtag 11.03.2013 ein vollständiger Ersatz von Tierversuchen nicht absehbar ist.

Hinzu kommt, dass die entwickelten Testmethoden von den zuständigen Behörden anerkannt werden müssen. Unverzichtbare Voraussetzung für die offizielle behördliche Anerkennung ist eine umfassende Validierung, zum Beispiel im Rahmen des Prüfrichtlinienprogramms der OECD. Hierzu wird jede Alternativmethode in umfangreichen Ringversuchen auf Reproduzierbarkeit (in demselben Labor) und Vergleichbarkeit der Ergebnisse (zwischen verschiedenen Labors) untersucht.

Der IKW engagiert sich in der 1986 auf Initiative der Bundesregierung gegründeten „Stiftung zur Förderung der Erforschung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zur Einschränkung von Tierversuchen“ (set). Im Rahmen ihres weltweiten Forschungsprogramms „Long-Range Research Initiative“ (LRI) finanziert die chemische Industrie Forschungsarbeiten, unter anderem zur Entwicklung alternativer Ansätze.

Um einen schnelleren Fortschritt zu erreichen, bedarf es der partnerschaftlichen Kooperation aller Beteiligten (nationale und europäische Behörden, Industrie, Nichtregierungsorganisationen, Tierschutzverbände etc.) Dazu sind Strukturen erforderlich, die das bestehende Synergiepotenzial optimal ausschöpfen und innerhalb derer Aufgaben und Verantwortlichkeiten arbeitsteilig wahrgenommen werden können.

Dieses Ziel wird beispielsweise von der "European Partnership on Alternative Approaches to Animal Testing" (EPAA) verfolgt, an der die deutsche Kosmetik-Industrie über den europäischen Dachverband Cosmetics Europe aktiv beteiligt ist. Die im November 2005 von der EU-Kommission gemeinsam mit der Industrie gegründete „Europäische Partnerschaft zur Förderung alternativer Ansätze zu Tierversuchen“ bezieht auch weitere wichtige Stakeholder, wie zum Beispiel Tierschutzorganisationen, in ihre Aktivitäten mit ein.

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*M. Macfarlane, P. Jones, C. Goebel, E. Dufour, J. Rowland, D. Araki, M. Costabel-Farkas, N. J. Hewitt, J. Hibatallah, A. Kirst, P. McNamee, F. Schellauf, J. Scheel: "A tiered approach to the use of alternatives to animal testing for the safety assessment of cosmetics: Skin irritation", Regulatory Toxicology and Pharmacology 54 (2009); 188-196.

P. McNamee, J. Hibatallah, M. Costabel-Farkas, C. Goebel, D. Araki, E. Dufour, N. J. Hewitt, P. Jones, A. Kirst, B. Le Varlet, M. Macfarlane, M. Marrec-Fairley, J. Rowland, F. Schellauf, J. Scheel: "A tiered approach to the use of alternatives to animal testing for the safety assessment of cosmetics: Eye irritation"; Regulatory Toxicology and Pharmacology 54 (2009), 197-209.

S. Pfuhler, A. Kirst, M. Aardema, N. Banduhn, C. Goebel, D. Araki, M. Costabel-Farkas, E. Dufour, R. Fautz, J. Harvey, N. J. Hewitt, J. Hibatallah, P. Carmichael, M. Macfarlane, K. Reisinger, J. Rowland, F. Schellauf, A. Schepky, J. Scheel: "A tiered approach to the use of alternatives to animal testing for the safety assessment of cosmetics: Genotoxicity.
A COLIPA analysis”; Regulatory Toxicology and Pharmacology 57 (2010), 315-324.

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